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Too-Big-to-Fail: Warum neue Regeln auch die Realwirtschaft treffen

Too-Big-to-Fail: Warum neue Regeln auch die Realwirtschaft treffen

18.5.2026

Nie wieder ein Fall Credit Suisse. Dafür will der Bundesrat sorgen – etwa mit neuen Regeln zum Eigenkapital. Der Bankenrecht-Spezialist Philipp Fischer ordnet ein und pocht auf eine Ausgestaltung im Dialog mit der Branche.

Die USA und England bauen derzeit Bankenvorschriften ab. Nicht so die Schweiz: Der Bundesrat verlangt im Rahmen des Too-Big-to Fail-Dossiers («Bankenstabilität») Verschärfungen der Regulierung. «Durch den politischen Willen, aus dem Fall Credit Suisse Lehren zu ziehen, schwimmt die Schweiz gegen den Strom – und das stellt die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes in Frage», sagt Philipp Fischer, Bankenrecht-Spezialist.

Im Zentrum des Dossiers steht unter anderem das Eigenkapital. Dazu gelten in der Schweiz seit 2025 die internationalen «Basel III»-Standards. Während viele Länder mit deren Umsetzung zuwarten, geht die Schweiz einen Schritt weiter: Systemrelevante Banken sollen den Gesamtwert ihrer Auslandstöchter mit Eigenkapital unterlegen.

Eigenkapital ist zentral im Bankgeschäft

Eigenkapitalregelungen sind keine bürokratische Formsache: Sie treffen in das Herz des Bankengeschäfts – denn sie bestimmen, wie Banken ihr Geschäft zwischen Investitionen, Anlegervertrauen und Kosten optimieren können.

Direkt betrifft die neue Regel im Moment einzig die UBS, aber sie hat grosse Auswirkungen. Die Bank beziffert die Kosten für Eigenkapital mit rund 10%. Die vorgeschlagene Erhöhung würde so Mehrkosten von 230 Millionen Franken verursachen – eine Belastung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Zudem sind auch andere Banken indirekt mitbetroffen, weil sie Kunden der UBS sind.

Die Kosten einer strengeren Regulierung trägt aber nicht nur der Bankenplatz, sondern auch die Realwirtschaft, so Philipp Fischer: «Die neue Regulierung könnte zu einer Verteuerung der Kreditvergabe führen und würde damit auch KMU treffen.» Die UBS vergibt rund ein Fünftel aller KMU-Kredite.

Regulierung für künftige Risiken statt vergangene Krisen

Philipp Fischer setzt Fragezeichen zu den strengeren Eigenkapitalvorschriften, die vor dem Hintergrund der CS-Krise von 2023 entworfen wurden. Es sei keineswegs sicher, ob mehr Eigenkapital das CS-Debakel verhindert hätte: «Die Credit Suisse war von einer akuten Vertrauenskrise betroffen, die zu einem Liquiditätsproblem führte. Die Ursache des Problems lag nicht im Eigenkapital.»

Die öffentliche Liquiditätssicherung, eine weitere Massnahme im Too-Big-to-Fail-Dossier, unterstützt Fischer daher uneingeschränkt – auch weil Liquiditätskrisen auch in Zukunft nicht ausgeschlossen sind: Durch die Digitalisierung können Vermögen heute mit einem Klick verschoben werden.

«Regulierungen sollten nicht auf die Krisen der Vergangenheit, sondern die Herausforderungen der Zukunft abzielen», meint Fischer. Er geht aber davon aus, dass die bundesrätlichen Vorschläge – mit Anpassungen im Detail – realisiert werden: «Angesichts des CS-Traumas müssen wir mit neuen Regularien rechnen.»

Vielfalt des Bankenplatzes nicht gefährden

Für Bankenrecht-Spezialisten Fischer ist es unerlässlich, dass bei der Umsetzung der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit berücksichtigt wird. Denn einige Massnahmen betreffen alle Schweizer Banken – etwa das neue Verantwortlichkeitsregime, das Einzelpersonen stärker in die Pflicht nimmt. Die Vielfalt des Bankenplatzes dürfe durch neue Regeln nicht gefährdet werden: «Es muss vermieden werden, dass kleine und mittlere Institute durch eine Regulierungsreform benachteiligt werden, die ihren Ursprung im Ausfall eines systemrelevanten Instituts hat.»

Deshalb steht der Dialog mit Branchenverbänden für Fischer im Zentrum. Nur im Austausch zwischen Branche und Verwaltung könnten Regeln entstehen, die verständlich sind und in der Folge auch korrekt umgesetzt werden. Das sei zwar ein langer Prozess – der jedoch langfristig Stabilität garantiere.

Und «Stabilität» – der helvetische USP schlechthin – ist heute laut Fischer so wichtig wie eh und je: «Die Schweiz kann ein Gegenpol zur allgemeinen Unruhe sein – ein Fels in der Brandung.»

Was ist Eigenkapital?

Zum Eigenkapital einer Bank zählen ihre Gewinnrücklagen und das Geld, das sie über den Verkauf von Aktien erhält. Dieses Geld liegt grösstenteils nicht im Tresor, sondern wird investiert – etwa über Kredite, Hypotheken oder den Kauf von Staatsanleihen und Aktien.

Wieso ist Eigenkapital wichtig?

Geliehenes Fremdkapital muss zurückgezahlt werden – Eigenkapital dient deshalb dazu, Verluste abzufedern und eine Insolvenz zu verhindern. Eine hohe Eigenkapitalquote fördert zudem:

  • Vertrauen – Das Risiko eines plötzlichen Liquiditätsabzugs durch Kunden und Investoren sinkt
  • Bonität – Die Refinanzierung - also Kredite für die Bank - werden günstiger
  • Stabilität – Abfedern von kurzfristigen Verlusten erlaubt langfristige Geschäftsplanung statt andauerndem De-Risiking

Was macht Eigenkapital so «teuer»?

Eigenkapital aus Aktien muss mit Dividenden vergütet werden – denn die Aktionäre tragen das volle Risiko und erwarten dementsprechend einen finanziellen Anreiz. Das kostet mehr als «Fremdkapital», wie etwa Kundengelder, für die Banken lediglich geringe Zinsen zahlen.

Und erhöht eine Bank ihr Eigenkapital, indem sie neue Aktien herausgibt, senkt das den realen Wert aller bestehenden Aktien. Gleichzeitig gilt: Eine Eigenkapitalerhöhung durch Gewinnrücklagen kann geringere Dividenden zur Folge haben – was wiederum das Vertrauen der Anlegenden senken kann.

Das ganze Gespräch gibt es im Podcast «À quel point les réglementations peuvent-elles être dangereuses ?» auf Französisch zu hören.

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