Vermögensaufbau

Vermögensverwaltung im Wandel: Warum der Mensch zentral bleibt

Vermögensverwaltung im Wandel: Warum der Mensch zentral bleibt

2.6.2026

Die Digitalisierung verändert die Vermögensverwaltung: Algorithmen analysieren Märkte in Sekunden und Apps ermöglichen selbstständiges Investieren für alle. Doch entscheidend bleibt der Mensch. Warum das so ist, erklären die Chefökonomin Valérie Lemaigre und die Handelsleiterin Valérie Noël.

Die Vermögensverwaltung ist ein Markenzeichen der Schweiz – und seit der Globalisierung ein bedeutender wirtschaftlicher Pfeiler. Doch hinter dieser Konstante verändert sich das Anlagegeschäft grundlegend.

Valérie Lemaigre, Chefökonomin der Genfer Kantonalbank, erinnert sich: «Mitte der 90er Jahre wurden die Grafiken noch auf Millimeterpapier gezeichnet.» Heute hingegen analysieren datengestützte Algorithmen Kursentwicklungen und helfen bei Entscheidungen.

Zwar seien die grundlegenden Prinzipien der Finanzmarktanalyse gleich geblieben, erklärt Lemaigre, doch mit der Digitalisierung haben sich die Werkzeuge stark verändert: Anlageentscheide werden heute in Echtzeit getroffen – und basieren stärker auf datenbasierten Modellen und standardisierten Prozessen als auf individueller und subjektiver Einschätzung.

Automatisierung – aber der Mensch entscheidet

Valérie Noël hat diesen Wandel aus nächster Nähe miterlebt, als Leiterin des Handelsraums der Privatbank Syz. Sie erinnert sich noch gut an die rosa und blauen Zettel, die Käufe und Verkäufe symbolisierten, in einem Raum, der früher viel lauter und lebhafter war. Heute werden Transaktionen elektronisch abgewickelt, und die Atmosphäre ist anders: «Im Handelsraum ist es oberflächlich betrachtet viel ruhiger.»

Trotz der zunehmenden Automatisierung der Prozesse bleibt das menschliche Urteilsvermögen im Handel von zentraler Bedeutung: «Letztendlich ist es immer der Händler, der definiert, was automatisiert werden soll und welche Regeln für die Umsetzung gelten.»

Auch aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive bleibt menschliches Verhalten entscheidend. Die Stimmung von Investoren und Konsumenten wird heute systematisch analysiert und in Anlagestrategien einbezogen, erklärt Noël: «Es gibt Algorithmen, die Prognosen zur Stimmung der Marktteilnehmenden erstellen – und dabei auch das Wetter mit einbeziehen.»

Strukturwandel erfordert langfristiges Denken

Durch die Digitalisierung ist der Finanzmarkt volatiler und kurzfristiger geworden. «In den vergangenen Jahren gab es mehrere Phasen starker Schwankungen, Marktkorrekturen und rascher Erholungen, ohne dass es seit 2008 zu einer wirtschaftlichen Rezession gekommen wäre», so Lemaigre.

2025 sei ein interessantes Beispiel: «Die Geopolitik hätte die Wirtschaft völlig durcheinander bringen können – doch das ist nicht geschehen.» Allerdings habe die Marktstimmung dazu geführt, dass Investoren ihr Vermögen in den Technologiesektor verschoben haben.

Denn die Wirtschaft befindet sich mitten in einem Strukturwandel, meint Lemaigre: «Durch den demografischen Wandel wird KI immer wichtiger, um den kommenden Arbeitskräftemangel auszugleichen.»

Hinzu kämen weitere Umbrüche: etwa die Reorganisation der Energieversorgung. Das mache langfristiges Denken bei Finanzinvestitionen heute besonders wichtig, um die Marktentwicklungen gut zu nutzen.

Anlegen wird für alle zugänglich

Lemaigre sieht in Investitionen ein grosses gesamtwirtschaftliches Potenzial: «Vermögensverwaltung kann einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Kapital in mittel- bis langfristig produktive Wirtschaftsprojekte lenkt.» Kundinnen und Kunden könnten so wirtschaftliche Veränderungen aktiv mitgestalten – auch mit Blick auf kommende Generationen.

Heute investieren mehr Menschen denn je. Ein weiterer Effekt der Digitalisierung, wie Valérie Noël betont: «Neue digitale Plattformen haben neuen Zielgruppen den Zugang zur Finanzwelt eröffnet.»

In den USA besitzt heute über die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger Aktien. In der Schweiz ist es knapp jeder und jede Fünfte.

Persönliche Beratung wird wichtiger

Dabei nimmt die Beratungsintensität in der Vermögensverwaltung zu, wie Valérie Noël beobachtet: «Wir müssen heute viel mehr erklären: Insbesondere junge Menschen und Frauen fordern Transparenz – sie wollen wirklich verstehen, was wir tun.»

Die Digitalisierung hat die persönliche Beratung damit nicht ersetzt – im Gegenteil: Sie wird zur Schlüsselkomponente. Und Valérie Noël glaubt, dass der Schweizer Finanzplatz dafür dank «seiner Kompetenz, seines Know-hows, des Vertrauens, das er genießt, und der Vertraulichkeit, die er gewährleistet» besonders gut positioniert ist.

Das ganze Gespräch gibt es im Podcast «De la génération Y à la génération Z : le conseil en placement est en pleine mutation ?» auf Französisch zu hören. 

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